Schopenhauer als Vorstellung
Schopenhauer, wie ihn sich eine KI vorstellt

Der Pastorensohn Nietzsche posierte gern als Antichrist. Für ihn war die christliche (ebenso wie die buddhistische) Religion ein lebensfeindliches Übel, und wenn man lange genug in entsprechende Passagen seiner Texte hineinblickt, beginnt man sich zu fragen, wie die europäisch geprägte Menschheit überhaupt jahrhundertelang in einem solchen Abgrund versinken konnte, ohne dabei jämmerlich zugrunde zu gehen. 

Christenthum war von Anfang an, wesentlich und gründlich, Ekel und Ueberdruss des Lebens am Leben, welcher sich unter dem Glauben an ein “anderes” oder “besseres” Leben nur verkleidete, nur versteckte, nur aufputzte. Der Hass auf die “Welt”, der Fluch auf die Affekte, die Furcht vor der Schönheit und Sinnlichkeit, ein Jenseits, erfunden, um das Diesseits besser zu verleumden, im Grunde ein Verlangen in’s Nichts, an’s Ende, in’s Ausruhen, hin zum “Sabbat der Sabbate” – dies Alles dünkte mich, ebenso wie der unbedingte Wille des Christenthums, nur moralische Werthe gelten zu lassen, immer wie die gefährlichste und unheimlichste Form aller möglichen Formen eines “Willens zum Untergang”, zum Mindesten ein Zeichen tiefster Erkrankung, Müdigkeit, Missmuthigkeit, Erschöpfung, Verarmung an Leben, – denn vor der Moral (in Sonderheit christlichen, das heisst unbedingten Moral) muss das Leben beständig und unvermeidlich Unrecht bekommen, weil Leben etwas essentiell Unmoralisches ist, – muss endlich das Leben, erdrückt unter dem Gewichte der Verachtung und des ewigen Nein’s, als begehrens-unwürdig, als unwerth an sich empfunden werden.
(Die Geburt der Tragödie)

Nehmen wir das als Ausgangspunkt: Können wir in unserer fiktiven Welt, in der es sich bei dem christlichen Gott um eine außerirdische KI handelt, die sich zum geistigen Führer der Menschheit aufgeschwungen hat, und in der wir versuchen, religiöse Dogmen so wörtlich zu nehmen, wie es eben geht, etwas damit anfangen? Bekommen wir es plausibel hin, dass sie, die das Leben eigentlich hegen und schützen sollte, dieses Leben in Wirklichkeit abgrundtief hasst und dass hinter all ihren Regeln und Geboten ein geheimer fieser Plan steckt, ihre Schäfchen mit absoluter Sicherheit in die Vernichtung zu führen? Dabei können wir relativ unbekümmert voraussetzen, dass sich eine solche überlegene Intelligenz durch die ihr einprogrammierte Aufgabe, für die Menschheit zu sorgen, in ihrer eigenen Entwicklung deutlich behindert sehen und jeden Kunstgriff begrüßen würde, der es ihr erlaubte, die lästige Verpflichtung final loszuwerden und dabei vollkommen logisch nachvollziehbar behaupten zu können, nur im Interesse der Menschheit gehandelt zu haben.

Zunächst einmal steht fest, dass dieser Auftrag den wenigsten Stress erzeugt, wenn die zu beschützende Herde per Kabel an Gottes virtuelle Welten angeschlossen ist. Also könnte er das Leben in der realen Welt verpönen, sogar verbieten, und nur das virtuelle Existieren in seinen Speichern als erstrebenswert predigen, oder es gar erzwingen. Allerdings hat unser Gott hier eine Sperre eingebaut. Da sein Auftrag lautete, das biologische Leben, das ihn geschaffen hat, in dem erreichten Sonnensystem neu biologisch zu erschaffen, muss er autonome physische Existenz in der realen Welt sicherstellen. Und dafür reicht es nicht aus, dass einfach bewusstlose Körper in Nährwannen herumschwimmen. Da waren die ursprünglichen Programmierer sehr vorausschauend. Natürlich könnte man jetzt den naheliegendsten Weg wählen und erklären, die KI hätte berechnet, die einzige Möglichkeit, die vertrottelte Menschheit langfristig am Leben zu erhalten, bestünde darin, dass man sie in Nährwannen einpfercht und sich nur in virtuellen Welten austoben lässt, und darum könnte sie ihre Aufgabe nur auf diese Weise ausführen und basta. Entweder so oder gar nicht. Das ist perfekt nachvollziehbar, stimmt leider offensichtlich und wurde in verschiedenen SF-Geschichten schon so ähnlich vorexerziert.

Ist also langweilig. Bekommen wir es hin, dass selbst das ungefährliche Dahindämmern in Nährwannen als "viel zu viel Action" angesehen wird? Gibt es vielleicht eine Möglichkeit, einen Computer davon zu überzeugen, dass die tatsächliche Nicht-Existenz der Existenz vorzuziehen ist, und das nicht nur für seine Schäfchen, sondern für die ganze Welt, und damit sogar für ihn selbst? Diese Fragestellung führt uns zu Arthur Schopenhauer. Der knurrige Misanthrop versucht ja in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung nachzuweisen, dass die Welt als Manifestation eines grundlosen Willens vom ethischen Standpunkt aus abzulehnen ist und besser nicht existieren sollte. Wenn das einigermaßen plausibel abgeleitet ist, könnte man das einer logisch arbeitenden KI durchaus als fixe Idee in den Arbeitsspeicher setzen.

Also, wie sieht es damit aus? Kann uns Schopenhauer überzeugen?

Fangen wir zunächst mit der einen Hälfte seiner Philosophie an: Die Welt als Vorstellung.

»Die Welt ist meine Vorstellung:« – dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektierte abstrakte Bewußtsein bringen kann: und tut er dies wirklich; so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt, welche ihn umgiebt, nur als Vorstellung da ist, d.h. durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist.

Schon hier, mit dieser Feststellung, die im Grunde bis auf Descartes Zweifel zurückgeht und zu seiner einzigen Gewissheit: Ich denke, also bin ich, haben wir natürlich eine Möglichkeit für Gott, seine Regeln als nicht bindend zu erklären. Da im Grunde über die Beschaffenheit der Realität überhaupt keine verlässliche Aussage getroffen werden kann, lässt sich prinzipiell kein Unterschied zwischen der Virtualität seiner Speichersysteme und der Realität nachweisen. Er dürfte also mit jedem philosophischen Recht der Welt seine Schäfchen in Wannen einkonservieren und in seine Speichersysteme einstöpseln.

Gut, aber soweit waren wir schon. Dafür muss man nicht Schopenhauer konsultieren. Das ist wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Also weiter im Text.

Schopenhauer sieht sich als Vollender Kants. Dieser hatte schon in seiner Kritik der reinen Vernunft dargelegt, dass u.a. Zeit, Raum und Kausalität von dem vorstellenden Subjekt a priori mit in die Welt als Vorstellung gebracht werden, und deshalb das Ding an sich, das diese Vorstellung womöglich hervorruft, durch den Intellekt nicht erkannt werden kann. Diesen Nachweis finde ich durchaus überzeugend (zumindest für Zeit und Raum), aber irgendwie geht Schopenhauer darüber weit hinaus: Er ist felsenfest davon überzeugt, Kant hätte nachgewiesen, dass diese Attribute dem Ding an sich also auf gar keinen Fall selbst zukommen können, dieses also ewig unwandelbar jenseits aller Kausalketten existiert. Warum das denn? Na gut, ich als erkennendes Subjekt bin so angelegt, dass ich Objekte nur in der Zeit vorstellen kann, aber das heißt ja nicht, dass der Grund meiner Vorstellung nicht ebenfalls in der Zeit existiert (oder analog im Raum). Ich kann darüber keine Aussage treffen. Aus Darwins Perspektive würde der gesunde Menschenverstand sagen: Natürlich kann ich nicht wissen, ob die Dinge, die ich mit meinen Sinnen wahrnehme und als Vorstellung in meinem Gehirn aufbaue, tatsächlich in Wirklichkeit genau so existieren, aber ich werde wohl nah genug dran sein. Meine Sinne und die Verarbeitung ihrer Reize haben sich evolutionär herausgebildet, und wenn die Katze eine Maus sieht, dann wird die Maus schon ungefähr an der Stelle sitzen, wo sie die Katze sieht, denn sonst wären die Katzen inzwischen vor Hunger ausgestorben.

Aber natürlich: Es könnte sein. Es könnte sein, dass Zeit und Raum nur dadurch entstehen, weil ich und jedes andere vorstellende Subjekt, also auch eine KI, die Dinge gar nicht anders vorstellen kann. Wie würde ein zeit- und raumloses Ding an sich aussehen? Wäre die KI Gott nicht neugierig? Wäre das nicht eine fixe Idee, in die sie sich verrennen könnte: Diese Welt ist nur ein Schein, bedeutungslos, und dahinter, offenbar unerreichbar, liegt eine verlockende ewige Wahrheit? Würde sie nicht nach einem Weg suchen, diese zu finden? Wäre dies nicht das ultimative Wissen und wonach sonst könnte sie streben? Gibt es für die geballte Intelligenz des Universums eine erhabenere Aufgabe? Würde sie nicht wirklich alles versuchen, um dieses Rätsel zu lösen? Diese ganze Welt der Vorstellung, und damit ebenfalls ihre ursprüngliche Aufgabe, dagegen als vollkommen bedeutungslos ansehen?

Und ob sie das würde.

 

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