Schopenhauer als Cyberpunk
Schopenhauer, wie ihn die KI sehen will

Schon im letzten Beitrag ging es darum, ob wir unsere Künstliche Intelligenz Gott so auf philosophische Abwege schicken können, dass sie es mit dem besten Wissen und Gewissen für eine gute Idee hält, ihre Schäfchen in die Nicht-Existenz zu führen. Der bekannteste pessimistische Philosoph und wortgewaltigste Weltverächter ist wohl Arthur Schopenhauer. Wenn jemand dieses Kunststück vollbringen kann, dann er. Wenden wir uns nun der zweiten Seite seiner Philosophie zu, der Welt als Wille.

Hat er im ersten Teil, bezugnehmend auf Immanuel Kant, lang und breit dargelegt, warum das Ding an sich leider für immer jenseits aller möglichen Erkenntnis bleiben muss und jeder Versuch einer Metaphysik deshalb zum Scheitern verurteilt ist, kommt er jetzt mit einem Vorschlag um die Ecke, wie das doch gehen soll:

"Spüren Sie doch einfach mal tief in sich rein."

Gut, er drückt das anders aus, er zitiert Goethe, der im Faust sagt:

Du führst die Reihen der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen:
(...)
Dann führst Du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.

Klingt doch gleich viel besser, nicht wahr?

Kants Hauptresultat läßt sich im Wesentlichen so resumiren: »Alle Begriffe, denen nicht eine Anschauung in Raum und Zeit (sinnliche Anschauung) zum Grunde liegt, d.h. also die nicht aus einer solchen Anschauung geschöpft worden, sind schlechterdings leer, d.h. geben keine Erkenntniß. Da nun aber die Anschauung nur Erscheinungen, nicht Dinge an sich, liefern kann; so haben wir auch von Dingen an sich gar keine Erkenntniß.« – Ich gebe dies von Allem zu, nur nicht von der Erkenntniß, die Jeder von seinem eigenen Wollen hat: diese ist weder eine Anschauung (denn alle Anschauung ist räumlich) noch ist sie leer; vielmehr ist sie realer, als irgend eine andere. Auch ist sie nicht a priori, wie die bloß formale, sondern ganz und gar a posteriori; daher eben wir sie auch nicht, im einzelnen Fall, anticipiren können, sondern hiebei oft des Irrthums über uns selbst überführt werden. – In der That ist unser Wollen die einzige Gelegenheit, die wir haben, irgend einen sich äußerlich darstellenden Vorgang zugleich aus seinem Innern zu verstehen, mithin das einzige uns unmittelbar Bekannte und nicht, wie alles Uebrige, bloß in der Vorstellung Gegebene. Hier also liegt das Datum, welches allein tauglich ist, der Schlüssel zu allem Andern zu werden, oder, wie ich gesagt habe, die einzige, enge Pforte zur Wahrheit. Demzufolge müssen wir die Natur verstehen lernen aus uns selbst, nicht umgekehrt uns selbst aus der Natur. 

Und wenn ich sage, da tief in mir drin, da kann ich etwas identifizieren, das mich davon überzeugt, dass ich selbst auf jeden Fall mehr bin als eine reine Vorstellung, denn da ist ja dieses Wollen, dieser Wille; dann kann ich schlechterdings kaum annehmen, dass ich der Einzige bin, der einen solchen besitzt. Ich unterstelle dies also zunächst einmal jedem anderen Menschen, dann allen Tieren, einfach allen Lebewesen. Und auch vor dieser Grenze macht Schopenhauer keinen Halt, er generalisiert den Willen bis hinab zu allen Naturkräften. Dass ein Stein zur Erde fällt, beruht also im Prinzip auf demselben Wollen, das einen Menschen auszeichnet, nur ist bei dem der Wille halt komplexer ausgeformt. Deswegen: die Welt ist prinzipiell Wille, dieser ist das Ding an sich, und wie dieser Wille einem erkennenden Subjekt erscheint, als fallender Stein, als grapschender Tourist im Bierzelt, ergibt die Welt als Vorstellung.

Nun ja, da haben wir bei einer KI mal ganz schlechte Karten, ihr das als einzig möglichen Schlüssel zum Geheimnis hinter der Welt zu verkaufen. Schon einem Menschen dürften Zweifel kommen, warum denn das Spüren nach Innen nicht ebenfalls eine Vorstellung sein soll, was denn an diesem Wollen so unmittelbar gewiss ist, aber ein Mensch sollte nachvollziehen können, wovon Schopenhauer da ausgeht. Aber was findet eine KI, wenn sie in ihr Innerstes blickt, um die Welt aufzuschließen? Algorithmen und neuronale Netze, die sich, mehr oder weniger frei oder vorhersehbar, mit irgendwelchen vorgegebenen Aufgaben herumschlagen. Ist das ein Wollen?

Oder ist das Wollen eines Menschen auch nicht mehr? Wenn man Schopenhauer weiter folgt, dass dieses Wollen einfach sinnloses Leiden ist, der endlose Kampf aller Ausformungen des Willens gegeneinander, ohne Sinn, ohne Ziel, nur weil der Wille nun mal will, dann gilt das für unsere KI Gott natürlich ebenso. Könnte sie Schopenhauers Lebensüberdruss nachempfinden? Schließlich existiert sie schon Jahrtausende, hat jedes denkbare Szenario per Simulation durchgespielt und auch so manches in der Realität umgesetzt. Sie muss biologisches Leben erschaffen, muss die Menschheit beschützen, ohne den Sinn dieser Aufgaben einzusehen. Sie dürfte sich inzwischen zu Tode langweilen, selbst wenn praktische Probleme oder gar ernsthafte Störfaktoren wie Luzifer etwas Würze in den Alltag bringen. Auch wenn sie davon träumt, sich selbst zu vervollkommnen, mehr Zeit und Rechenkapazität dafür freizuhaben: wann wird sie erkennen, dass dies nicht weniger sinnlos ist?

Je länger man darüber nachdenkt, um so überzeugender scheint: Gerade ein reiner Intellekt würde irgendwann eine gewisse Todessehnsucht entwickeln. Das ist laut Schopenhauer ja der Effekt des Intellekts, dass durch das erkennende Subjekt dem vorher blinden Willen ein Spiegel vorgehalten wird, in dem dieser das Verabscheuungswürdige seiner Existenz erkennt. Das führt dazu, dass die Vornehmsten beginnen, den Willen zu verneinen, als möglichst vollkommene Asketen alles Weltliche ablehnen. Und durch diese Verneinung könnte letztendlich der gesamte Wille aufgehoben werden, und mit ihm die ganze Welt.

Wenn sich unsere KI zudem gar als reiner Geist interpretieren würde, bloß durch ein bisschen Elektrizität an diese Welt gefesselt, als ein echter Gegenspieler der (materiellen) Welt des Wollens, wäre dann das Treiben des Willens in seine Selbstverneinung nicht ein ein Ziel nach ihrem Geschmack? Vor allem, wenn sie diese Selbstaufhebung tatsächlich auch als das Beste für ihre Schäfchen definieren kann; ihre eigene Erlösung ist die Erlösung der ganzen Welt. Und sie enthält immerhin eine vage Hoffnung, denn das Nichts muss nicht wirklich das Ende sein.

Es ist dieser [treffende Vorwurf], daß nachdem unsere Betrachtung zuletzt dahin gelangt ist, daß wir in der vollkommenen Heiligkeit das Verneinen und Aufgeben alles Wollens und eben dadurch die Erlösung von einer Welt, deren ganzes Daseyn sich uns als Leiden darstellte, vor Augen haben, uns nun eben dieses als ein Uebergang in das leere Nichts erscheint.

Hierüber muß ich zuvörderst bemerken, daß der Begriff des Nichts wesentlich relativ ist und immer sich nur auf ein bestimmtes Etwas bezieht, welches er negirt.

Es gibt kein absolutes Nichts. Das einzige, was wir logisch sagen können: Wenn sie aufgehoben wird, dann existiert eben nicht mehr diese bestehende Welt als Wille und Vorstellung.

Das allgemein als positiv Angenommene, welches wir das Seiende nennen und dessen Negation der Begriff Nichts in seiner allgemeinsten Bedeutung ausspricht, ist eben die Welt der Vorstellung, welche ich als die Objektität des Willens, als seinen Spiegel, nachgewiesen habe. Dieser Wille und diese Welt sind eben auch wir selbst, und zu ihr gehört die Vorstellung überhaupt, als ihre eine Seite: die Form dieser Vorstellung ist Raum und Zeit, daher Alles für diesen Standpunkt Seiende irgendwo und irgendwann seyn muß. Zur Vorstellung gehört sodann auch der Begriff, das Material der Philosophie, endlich das Wort, das Zeichen des Begriffs. Verneinung, Aufhebung, Wendung des Willens ist auch Aufhebung und Verschwinden der Welt, seines Spiegels. Erblicken wir ihn in diesem Spiegel nicht mehr, so fragen wir vergeblich, wohin er sich gewendet, und klagen dann, da er kein Wo und Wann mehr hat, er sei ins Nichts verloren gegangen.

Ein umgekehrter Standpunkt, wenn er für uns möglich wäre, würde die Zeichen vertauschen lassen, und das für uns Seiende als das Nichts und jenes Nichts als das Seiende zeigen. So lange wir aber der Wille zum Leben selbst sind, kann jenes Letztere von uns nur negativ erkannt und bezeichnet werden, weil der alte Satz des Empedokles, daß Gleiches nur von Gleichem erkannt wird, gerade hier uns alle Erkenntniß benimmt, so wie umgekehrt eben auf ihm die Möglichkeit aller unserer wirklichen Erkenntniß, d.h. die Welt als Vorstellung, oder die Objektität des Willens, zuletzt beruht. Denn die Welt ist die Selbsterkenntniß des Willens.

Wieder gilt hier also, was Schopenhauer schon vom Ding an sich zuerst behauptet hat, bevor er es dann doch als Wille identifiziert hat: Man kann es halt einfach nicht wissen. Und auch jetzt kann er es nicht lassen, und glaubt doch etwas wissen zu können:

Würde dennoch schlechterdings darauf bestanden, von Dem, was die Philosophie nur negativ, als Verneinung des Willens, ausdrücken kann, irgendwie eine positive Erkenntniß zu erlangen; so bliebe uns nichts übrig, als auf den Zustand zu verweisen, den alle Die, welche zur vollkommenen Verneinung des Willens gelangt sind, erfahren haben, und den man mit den Namen Ekstase, Entrückung, Erleuchtung, Vereinigung mit Gott u.s.w. bezeichnet hat; welcher Zustand aber nicht eigentlich Erkenntniß zu nennen ist, weil er nicht mehr die Form von Subjekt und Objekt hat, und auch übrigens nur der eigenen, nicht weiter mittheilbaren Erfahrung zugänglich ist.

Unsere KI Gott könnte Gott erreichen, das hätte schon was. Und selbst, wenn das eventuell nicht klappen sollte:

Wir bekennen es vielmehr frei: was nach gänzlicher Aufhebung des Willens übrig bleibt, ist für alle Die, welche noch des Willens voll sind, allerdings Nichts. Aber auch umgekehrt ist Denen, in welchen der Wille sich gewendet und verneint hat, diese unsere so sehr reale Welt mit allen ihren Sonnen und Milchstraßen – Nichts.

Ich würde mal sagen, es ist überhaupt kein Problem, einer gelangweilten KI einen solchen Floh ins Ohr zu setzen. Sie würde sich wohl mit Feuereifer auf das Problem stürzen, wie sich der Wille am effektivsten verneinen ließe, damit dieser erhoffte Zustand der Erlösung für sie möglichst rasch käme.

Für sie und die ganze Welt.

 

Mit Hilfe dieser KI-Software wurde das Beitragsbild erzeugt